Unternehmen können sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen

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Unternehmen können sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen

Die Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative ist Geschichte. Schlussendlich ist sie, trotz einer Mehrheit bei der Bevölkerung, am Ständemehr gescheitert. Dieser Ausgang der Abstimmung zeigt meiner Meinung nach vor allem eines: Die Zeiten, in denen Unternehmen in fremden Ländern tun und lassen konnten, was sie wollten, sind vorbei.

Von Unternehmen wird mehr erwartet

Umfragen deuten darauf hin, dass alle Anspruchsgruppen, einschließlich der Investoren, von den Konzernen deutlich mehr erwarten, als nur ihre Gewinne zu verbessern. 86% der befragten Investoren im Edelman Trust Barometer 2020 sind sogar bereit, sich mit niedrigeren Renditen abzufinden, wenn das Unternehmen einen Fokus auf Nachhaltigkeit und sogenannten «Social Impact» legt.

Die Unternehmenstheorie hat sich schon länger mit Konzepten wie der Triple Bottom Line, Corporate Social Responsibility (CSR) und dem kürzlich entstandenen Begriff ESG, der für Environment, Social und Governance steht, darauf vorbereitet. Fast jeder Jahresbericht hat inzwischen einen CSR-Teil, und grosse Unternehmen schmücken sich gerne mit „grünen“ und sozialen Initiativen. Bereits vor 20 Jahren habe ich für eine Schweizer Privatbank Reden für nachhaltige Fonds gehalten.

Lange Zeit schien dies den Aktionären und der Öffentlichkeit zu genügen. Doch in den letzten Jahren sehen wir eine Transformation der Erwartungen und Forderungen. Moralisches und ethisches Handeln wird in allen Bereichen wichtiger. Schauen wir über den grossen Teich, sehen wir, wie die Unternehmen als Reaktion und auf Druck der Black-Lives-Matter Bewegung weitgreifende Diversitäts- und Inklusionsprogramme ankündigten.

Die Konzernverantwortungsinitiative

Die Konzernverantwortungsinitiative ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich der Wind gedreht hat. Ursprünglich im Jahr 2015 von den üblichen Verdächtigen, NGOs und linken Politikern ins Leben gerufen, erhielt sie jedoch auch viel Unterstützung von Vertretern der Mitte-Parteien. Dick Marty, ehemaliger Ständerat der Liberalen, ist Co-Präsident des Initiativkomitees. In den Umfragen hatten die Befürworter die Oberhand. Doch warum war diese Initiative, in der ansonsten so wirtschaftsfreundlichen Schweizer Gesellschaft, so beliebt?

Bemerkenswert ist zunächst die Professionalität des Pro-Komitees. Bis heute sind 130 NGOs beteiligt, sowie ein bürgerliches Komitee mit über 400 Mitgliedern von mitte-rechts Parteien. Auch der Evangelische Kirchenbund hat sich für die Initiative ausgesprochen. Das Pro-Komitee handelte ausserdem sehr klug, indem sie Rohstoffunternehmen ins Rampenlicht rückte. Die Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich mit dieser Branche nicht sehr verbunden, und wenn man etwas über sie hört, fliesst es meist in das Narrativ des bösen Grosskonzerns ein.

Zweitens lenken jüngste Ereignisse wie die neue Klimabewegung die Aufmerksamkeit auf Themen, bei denen Unternehmen besser abschneiden könnten. Obwohl nicht alle mit den Aktionen der Klimajugend einverstanden sind, hat die „Grüne Welle“ bei den letzten Parlamentswahlen gezeigt, dass man sich des Themas bewusst ist. Wenn jetzt Bilder von Tagebau, zerstörten Landschaften und vergiftetem Wasser gezeigt werden, löst das in den Menschen Wut und Enttäuschung aus.

Schließlich ist der Prozess der Einbindung von Unternehmensverantwortung eine seit Jahrzehnten kontinuierende Entwicklung. Inzwischen haben die Schweizer einen Wohlstand erreicht, mit dem sie ihre Aufmerksamkeit auf das „wie“ des Wirtschaftens richten können. Hinzu kommt, dass das Internet ein neues Informationszeitalter geschaffen hat. Smartphones, die jeden Fehltritt mit der Kamera festhalten, machen es für Unternehmen immer schwieriger, ihre Missetaten unter den Teppich zu kehren oder vernünftig gegen hochstilisierte Kritik vorzugehen. Eine weitere Folge der gestiegenen Sensibilität ist, dass NGOs zu riesigen Organisationen mit Tausenden von Mitarbeitern geworden und mächtiger denn je sind.

Sogar die Gegenargumente der Initiative zeigten, dass ein Sinneswandel stattgefunden hat. Die meisten negieren nicht die Verantwortung der Großkonzerne an sich. Sie versuchen stattdessen, die Initiative mit der Begründung abzulehnen, dass Verantwortung mit anderen Mitteln herbeigeführt werden soll oder die enorme Bürokratie eine Wirkung verunmöglicht.

Vertrauensbildung sollte eine Kernaktivität sein

Unabhängig davon, dass die Konzernverantwortungsinitiative schliesslich abgelehnt wurde, werden Unternehmen also ihre Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt nicht länger vernachlässigen können. Die Öffentlichkeit, insbesondere die jüngeren Generationen, erwarten von der Wirtschaft, dass sie ihre Rolle als aktives Mitglied der Gesellschaft bewusst wahrnimmt. Das zahlt sich aus: Laut Edelman Trust Barometer 2020 haben vertrauenswürdige Unternehmen die Coronakrise um einiges besser überstanden als ihre Branchenkollegen.

Vertrauen ist eine Funktion von Kompetenz und Ethik. 76% der Treiber für Vertrauen sind ethische Faktoren, während nur 24% auf Kompetenz basieren. Dies verschafft den NGOs im Moment einen klaren Vorteil und erklärt ihre Geltungsmacht über die öffentliche Meinung. Drei Viertel der Befragten wünschen sich zudem, dass CEOs Veränderungen ohne staatliche Intervention einleiten. Aber wenn es der Wirtschaft nicht gelingt, Veränderungen selbst herbeizuführen, dann entstehen Initiativen wie die Konzernverantwortungsinitiative.

Was sollten zukunftsorientierte Unternehmen jetzt tun? Die Übernahme von Verantwortung kann jetzt als Differenzierungsfaktor gegenüber der Konkurrenz genutzt werden. Die Denkweise, dass ESG und Gewinnmaximierung zwei gegensätzliche Ziele sind, muss unabhängig vom Ausgang der Abstimmung aufgegeben werden.

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